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Pressedienstarchiv

PUB9704 01. April 1997

Die verzögerte Antwort - Neues über den Philosophen Hans Blumenberg

VON MARTIN THOEMMES

Als der Philosoph Hans Blumenberg vor einem Jahr, am 28. März 1996, in Altenberge starb, hinterließ er ein reiches Werk und doch kaum Hinweise auf sein eigenes Leben. Dies fällt auf bei einem Mann, der Philosophie gern durch Anekdotisches suchte einsichtig zu machen. Eine Ausnahme ist sein Buch "Matthäuspassion" aus dem Jahre 1988. In dem Kapitel "Der Weisheit Anfang" verbindet er - für den Leser überraschend - Prägungen des Schülers Blumenberg mit seiner späteren Philosophie. Blumenberg besuchte das Lübecker Katharineum, ein Gymnasium, das ein halbes Jahrhundert vor ihm schon Thomas Mann erfolgloser als er verlassen hatte. Des Autors Jugenderinnerung handelt erst einmal vom falschen Verständnis des Genitivs.

An der Stirnseite der Aula hingen die Porträts der Reformatoren Luther und Bugenhagen. Über ihnen prangte in gotischen Lettern der alttestamentarische Weisheitsspruch des Salomo: "Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang". Blumenberg verstand diesen Spruch im Sinne des Genitivus subiectivus, als die Furcht des Herrn vor seiner eigenen Schöpfung, dem Menschen. Ihn überraschte nach vielen Jahren, daß ein alter Schulfreund in seinen 1984 veröffentlichten "Kindheitserinnerungen eines Lübecker Arztes" den Spruch immer ganz anders, nämlich im Sinne des Genitivus obiectivus verstanden hatte: als die Furcht des Menschen vor dem Herrn. "Zu meiner Schande", wie er ausdrücklich betont. Doch scheint dieses grammatikalische Mißverständnis einen entscheidenden Teil seines Denkens befruchtet zu haben. Denn nach einer gewissen Zerknirschung erhebt sich Blumenberg wieder recht unzerknirscht und fährt fort: "Trotz seither erlangten besseren Wissens ist meine kindliche Lesart des Aulaspruches der Tenor meiner ,Theologie' geblieben, sofern sie diesen Namen verdient." Tatsächlich ist ja nicht nur Blumenbergs "Matthäuspassion" geprägt von der Annahme des Waltens eines eifersüchtigen Willkürgottes, der kosmischen Willkür schlechthin, und der Selbstbehauptung des Menschen, der keineswegs der gütig umsorgte Mittelpunkt des Kosmos sei. Im weiteren Verlauf seiner "Matthäuspassion" rechtfertigt Blumenberg sein Mißverständnis des Genitivs, indem er gnostische Texte anführt, die seine von ihm vorausgesetzte Furcht des Schöpfergottes vor dem Menschen bestätigen.

Verfall von oben

Doch bemerkt Blumenberg, daß sein Schulfreund die "Furcht des Herrn" nicht nur theologisch, sondern auch recht handgreiflich verstanden hatte. Dieser habe, so referiert er die Kindheitserinnerungen seines Freundes zutreffend, bei diesem Spruch immer an die mit Drohgebärde seitwärts der Schülerbankreihen sitzenden Lehrer gedacht. Der junge Mitschüler fürchtete die überwiegend autoritäre und dann mehrheitlich vom Nationalsozialismus geprägte Lehrerschaft, die er als Stellvertreter der beiden düsteren, unter dem Weisheitsspruch an der Stirnwand der Aula hängenden Reformatoren ansah. Für ihn bedeuteten die montäglichen Morgenandachten immer ein "Fürchtegottritual".

Nicht so für Blumenberg: Als überaus selbstbewußter Klassenprimus lebte er mit dem "Katharineum" während des überwiegenden Teils seiner Schulzeit in Frieden. Doch bemerkte auch er den Umbruch, der sein Gymnasium 1933 - das Jahr erlebte er als Quartaner - erschütterte. Er bemerkte ihn - und empfand ihn doch nicht als radikale Zäsur. Für die letzte große Jubiläumsschrift des "Katharineums" im Jahre 1981 konnte der Philosoph zu einer Ehrung des 1933 von den Nationalsozialisten abgesetzten Direktors Georg Rosenthal bewogen werden: "Die Erinnerung an Rosenthal, der stolz der Schmach den Rücken gekehrt hatte, wuchs in dem Maße dessen, was nach ihm kam, mit der Kümmerlichkeit der großen Worte und leeren Gesten, den hilflosen Machtansprüchen, dem wilden Herumfuhrwerken. Dieser Verfall kam von oben, und es gehört zu den lebenslang zu verarbeitenden Erfahrungen dessen, der gerade noch vergleichen konnte, daß es auch die wirklich gab, die sich nicht mitreißen ließen, die etwas zu bewahren hatten. Rosenthals Schule überlebte den Verfall, weil es ihn gegeben hatte, weil die Zeit nicht ausreichte, seinen Standard vergessen zu machen." Der von Blumenberg gewürdigte Georg Rosenthal war übrigens der Schwiegervater es Sozialdemokraten und Widerstandskämpfers Julius Leber, der später zu den führenden Männern des Umsturzversuches am 20. Juli 1944 gehörte, aber schon vorher festgenommen und am 5. Januar 1945 hingerichtet wurde.

Listige Kompromisse

Doch der neunzehn Jahre alte Blumenberg selber konnte "der Schmach" nicht so schnell den Rücken kehren. Sie traf ihn als Schüler spät und prägte ihn für sein ganzes Leben. Seine Mutter war jüdischer Herkunft, und er galt im Sinne der Nürnberger Rassengesetze als "Halbjude". Erst hatte er noch Glück. Denn in der Oberstufe wurde seine Klasse wegen ihrer Größe geteilt. Blumenberg geriet, vielleicht nicht zufällig, in jene neu zugeschnittene Klasse, in welcher nationalsozialistische Schüler nicht gerade dominierten. Ihnen wurde auch noch ein Klassenlehrer zugeteilt, dem der Nationalsozialismus erkennbar völlig fremd war: Wilhelm Krüger gab Deutsch, Englisch, Französisch und Sport und besaß im NS-Regime eine gewisse "Narrenfreiheit", weil er wegen seines "germanischen" Kopfes einmal die Titelseite einer rassenkundlichen Zeitschrift geziert hatte. Schon vor 1933 ging Krüger, durch dessen Deutschunterricht Blumenberg später geprägt wurde, in die Literaturgeschichte ein. Am 7. September 1931 hielt Thomas Mann in seiner alten Lübecker Schule eine "Ansprache an die Jugend", die Blumenberg als Sextaner verfolgte. Freudig bewegt berichtet der Dichter, dessen Rede schon einen Tag später in der Berliner "Vossischen Zeitung" gedruckt wurde, von einem Besuch des Direktors Rosenthal mit Primanern in seinem Münchener Domizil im Jahre 1929. Besonders erfreute sich Thomas Mann an Wilhelm Krüger: "Ein junger Lehrer war noch dabei - mein Gott, er sah nicht aus wie die wandelnde Scholarchen-Autorität; ebenso sportlich anzusehen wie seine Jungen, äußerlich kaum zu unterscheiden von ihnen, schien er ihr guter Kamerad."

In seinem Deutschunterricht kannte Krüger nach der nationalsozialistischen Machtübernahme keine Kompromisse mit der NS-ldeologie, lehrte auf höchstem Niveau und förderte nach Kräften seinen ohnehin begabten Schüler Blumenberg. Doch trotz allen Glückes mit der neu zugeschnittenen Klasse und ihrem couragierten Ordinarius wurde der junge Blumenberg schließlich vom Verhängnis seiner Zeit eingeholt. Er war nicht nur hochbegabt - so las der Oberstufenschüler neben dem üblichen Kanon schulischer Lektüre auch eigenständig Platon, Aristoteles und Thomas von Aquin - er war auch noch der einzige Sohn einer wohlhabenden Familie. Sein Vater war Kunstgroßhändler und vertrieb in großem Stile Profan- und Sakralkunst recht unterschiedlichen Niveaus. So belieferte er Klöster und Krankenhäuser in ganz Deutschland. Dem Schüler Blumenberg stand, in den dreißiger Jahren durchaus ungewöhnlich, ein Auto zur Verfügung, mit dem er Freunde zu Theateraufführungen in Berlin einlud.

Aus reichem Hause kommend, seine Hochbegabung und Belesenheit mit Nachdruck vorführend, eignete sich der "Halbjude", wie die Sprachregelung lautete, vortrefflich als Zielscheibe für die antisemitischen Ressentiments von Schülern aus der Parallelklasse. Nach eigenen Berichten war er einer regelrechten "Welle der Empörung" ausgesetzt. Diese traf den Schüler schwer, der sich bis dahin immer nur als Deutscher gefühlt hatte - vielleicht mit der einzigen Besonderheit, daß er im protestantisch geprägten Lübeck katholisch war. Aber schließlich sollte es auch noch zum Konflikt mit der Schulleitung des "Katharineums" kommen. Als "Primus" stand ihm traditionsgemäß des Recht der Abiturientenrede auf der Entlassungsfeier im Frühjahr 1939 zu. Er durfte die Rede nicht halten. Doch erstaunlicherweise verstand sich die nationalsozialistische Schulleitung zu einem Kompromiß: Blumenberg durfte die Rede immerhin schreiben, und ein Mitschüler seines Vertrauens konnte sie vortragen.

In dem schon von kriegerischer Propaganda gesättigten Frühjahr 1939 schrieb der Abiturient Blumenberg in seinem Redemanuskript in bester Tradition von der Humanität des Griechentums und hielt dessen kriegerische Fähigkeiten für keineswegs entscheidend. Listig setzte er auch seine zeitnotwendigen Kompromisse. So nannte er die wohl "vernünftigste" Sentenz im Hitlers "Mein Kampf": Die Geisteswissenschaften müßten gleichberechtigt neben den Naturwissenschaften stehen. Aber Blumenberg wußte nach eigener Auskunft bis zum Entlassungstage nicht, ob er das Abiturzeugnis überhaupt erhalten werde. 1963 berichtete er einem Schulfreund, ". . . daß ich noch während unserer Entlassungsfeier nicht wußte, ob mir das Zeugnis ausgehändigt werden würde". Er hatte Gründe für seine unsicheren Erwartungen, denn unmittelbar vor der Entlassungsfeier ersuchte Direktor Wolfanger, Nachfolger Georg Rosenthals und fanatischer Nationalsozialist schlichtesten Zuschnittes, den "Reifeprüfling" Blumenberg in einem Schreiben ohne jede Anrede wegen "einer besonderen Angelegenheit" bei ihm "zu erscheinen". Blumenberg erhielt schließlich das Abiturzeugnis - wenn auch auf demonstrativ degradierende Weise, wie sich Zeugen der Entlassungsfeier erinnern.

Hans Blumenberg konnte nach seinem Abitur an einer staatlichen deutschen Hochschule nicht studieren, wurde zum Arbeitsdienst eingezogen, besuchte anschließend eine Jesuitenhochschule, deren Besuch ihm aber nach zwei Semestern auch untersagt wurde, und zog anschließend wieder nach Lübeck. Der Industrielle Heinrich Dräger bot ihm Arbeit und Schutz. Aber auch er konnte nicht verhindern, daß Blumenberg sich schließlich in einem Lager der "Organisation Todt" einzufinden hatte. Nach Auflösung dieses Lagers und einer Flucht schlug sich Blumenberg in seiner Heimatstadt durch, wo er von einer regimefeindlichen Familie bis zum Kriegsende versteckt wurde. Nur wenig später heiratete Blumenberg die Tochter dieser Familie, mit der er vier Kinder bekam und bis ans Ende seiner Tage zusammenlebte. Und endlich, nach vieljähriger Verzögerung, durfte er Philosophie studieren und wurde einer der wichtigsten deutschsprachigen Philosophen dieses Jahrhunderts. Dies klingt schön, stimmt auch noch - und ist gleichwohl viel zu märchenhaft.

Hans Blumenberg war buchstäblich bis zu seinem Tod stigmatisiert von den Demütigungen seiner Heimatstadt Lübeck. 1964 feierte seine Klassengeneration das silberne Abiturjubiläum. Einige Mitschüler sagten ihre Teilnahme ab, als sie hörten, Blumenberg werde wohl zugegen sein. Andere begegneten ihm mit schroffer Distanz. Ein einziger früherer Mitschüler entschuldigte sich bei diesem Treffen für seine Teilnahme an der antisemitischen Kampagne gegen ihn. Diesen lud Blumenberg versöhnungsbereit sogleich in den Lübecker "Ratskeller" ein und flüchtete dann vorzeitig mit dem Nachtzug nach einem ihm schauderhaften und ihn verletzenden Abituriententreffen.

Ein Ausweichen

Der sich später immer mehr von den Menschen zurückziehende Blumenberg hielt zumindest durch Briefe und zuweilen auch durch Telefongespräche Verbindung mit jenen Mitschülern, die ihm immer die Treue gehalten hatten und denen er auch treu blieb. Sie wollten, daß er 1989 als "Goldener Abiturient" bei der Abiturientenentlassungsfeier sprechen sollte. Dazu war Blumenberg, der verbittert, von dem Besuch der Beerdigung eines Jugendfreundes abgesehen, Lübecker Boden nicht mehr betreten hatte, bereit. Aber wieder meldeten sich Stimmen einstiger Mitschüler, die ihn nicht dabeihaben und hören wollten. Darüber schrieb er in einem Brief an den Lübecker Bürgermeister Bouteiller und den Kultussenator Meyenborg im Frühjahr 1995. Er nennt noch einmal seinen verunglückten Besuch im Jahre 1964 und fährt dann fort: "Zum 50. Jahrestag desselben Anlasses bin ich, im Einvernehmen mit den verbliebenen Freunden, nicht gekommen, worüber sich eben die entrüsteten, die 1964 gar nicht erst kommen wollten, wenn ich käme."

Die Lübecker Stadtführung hatte Blumenberg brieflich in warmherzigem und auch von Betretenheit zeugenden Ton angetragen, mit seiner Frau seine alte Heimatstadt als offizieller Gast zu besuchen. Es war der bis dahin noch öffentlich unausgesprochene und Blumenberg bis zu seinem Tod unbekannt gebliebene Wunsch der Hansestadt, eine versöhnliche Situation zu schaffen, in der man nach den Nobelpreisträgern Thomas Mann und Willy Brandt ihm hätte die Lübecker Ehrenbürgerwürde verleihen können. "Mit Bewegung" habe er den Brief aus der Hand gelegt. "Die Verzögerung meiner Antwort mögen Sie in den Schwierigkeiten begründet sehen, die ich im Verhältnis zu meiner Vaterstadt habe. Schließlich hat auch die Stadt ein halbes Jahrhundert seit ihrer Befreiung gezögert, ehe sie anders als ärgerlich mir entgegengekommen ist."

Er schließt den Brief mit einer Wendung, die seinen ganzen Zwiespalt dokumentiert: "Ich setze nun auf Ihr Verständnis, wenn ich Ihre Einladung annehme, zu deren Realisierung aber keine Zusage mache. Dieses Ausweichen erfüllt mich mit Trauer. Ihr Ihnen und der Stadt aufrichtig ergebener Hans Blumenberg."

Letzte Briefe des nach eigener Auskunft schon vom Tode gestreiften Philosophen in seine alte Vaterstadt zeigen, daß er ihr nun doch immer näher gekommen war. Insbesondere schreibt er von Bernt Notkes Gemälde der Gregorsmesse und der astronomischen Uhr in der Marienkirche, die, wie man heute annehmen darf, das Interesse des jungen Blumenberg für die Stellung des Menschen im Kosmos geweckt hat - ein Interesse, das seine späteren kosmologischen Studien initiiert haben dürfte. Und in der gewaltigen mittelalterlichen Backsteinkathedrale St. Marien fanden zu Blumenbergs Schulzeiten jedes Jahr die Aufführungen der Bachschen "Matthäuspassion" statt. So steht eine Lübecker Kirche am Anfang eines langen und die kirchliche Tradition erschütternden Denkweges.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 26. März 1997 +++


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